Reiseblog

2013 Vietnam

Tag 19

Der Zug rattert pünktlich(!!) auf den Saigoner Bahnhof zu. Die Outskirts der Stadt sind erschreckend. Dreckig, ausschließlich Wellblechhütten, unbefestigte Straßen und Müll wohin man auch blickt. Wir hoffen die Innenstadt sieht anders aus.
Wir packen unsere 7 (seit Hoi An 19) Sachen zusammen und suchen uns ein Taxi. Hmm, gar nicht so leicht wie es aussieht. Da steht zwar eine ganze Reihe Taxis, aber die sind…. ähhh häh?!… sortiert?!

Vorne stehen nur die weissen Taxis mit dem Vinsun Logo, dahinter die grünen und uns mittlerweile vertrauten von Mai Linh. Warum vertraut? Vorsicht, hier ein Tipp für alle zukünftigen Vietnamreisenden: NUR Mai Linh Taxis haben einen funktionierenden und geeichten(!) Taxameter. Alle anderen bescheissen einen nach Strich und Faden, selbst mit Taxameter. Da zahlt man dann gerne mal das 5-fache des normalen Preises. Außerdem haben wir herausgefunden, dass diese Taxen sogar meisst günstiger sind, als ein Mototaxi.

Wir gehen also zur hinteren Reihe und werden von verschiedenen Leuten in Taxikluft wahlweise nach ganz hinten, oder ganz vorne der Reihe geschickt. Na super. Nach einigem hin und her, und nachdem sich ungefähr gefühlte 70 vietnamesische Großamilien vorgedrängelt haben, bekommen wir endlich eines der begehrten Dinger und lassen uns einmal quer durch die Stadt zu unserem Hostel fahren.

Dieses stellt sich als noch nicht geöffnet heraus, wir haben ja schließlich auch erst 6 Uhr. Die freundliche ältere Dame vom Straßenstand nebenan verrät uns aber wo die Klingel ist. Ein völlig verschlafener Vietnamese öffnet, schaut uns verdutzt an und fängt erst einmal an die Leuchtschilder des Hostels draußen zu platzieren… Ganz schön unhöflich… Nachdem er dann die Schilder aufgestellt und verkabelt hat, fährt er den obligatorischen Motorroller aus dem Haus, schaltet die Sicherungen ein, rückt die Stühle zurecht, putzt einmal durch (hey Keule, wir wollen EINCHECKEN!) und verschwindet dann wieder im hinteren Teil des Hostels. Boris, schon völlig entnervt schaut sich derweil draußen schon mal nach freundlicheren Hostels um. Ich warte in der Lobby immer noch in der Hoffnung gleich einen Zimmerschlüssel zu bekommen.

Nach guten 10 Minuten kehrt der Hotelmann in die Lobby zurück und erklärt mir, nach meiner nun etwas genaueren Nachfrage, dass er nicht befugt sei uns einen Zimmerschlüssel zu geben, die Rezeptionistin aber um Sieben Uhr kommen würde. Puh, naja, dann warten wir eben noch eine halbe Stunde. Als aber um viertel nach Sieben immer noch niemand da ist, der uns ein Zimmer geben könnte, geht auch mir langsam aber sicher die Hutschnur nach oben. Zum völligen Platzen dieser kommt es, als plötzlich 2 weitere Backpacker im Raum stehen, dem Mann ihre Reservierung unter die Nase halten und sofort einen Zimmerschlüssel in die Hand gedrückt bekommen. Wir beschliessen spontan in das gegenüber liegende Hostel, Hotel Sunny (was für ein schöner Name :-) ) zu ziehen.
Dort angekommen wird unser erstes Tag Ritual gepflegt: Sachen aufs Zimmer, Frühstücken, Pennen legen. Unser erster Anlaufpunkt am heutigen Tage (nach dem Bett), soll der größte Markt in Saigon sein. Dieser ist, laut Karte, circa 3km von unserem Hotel entfernt. Da wir ja mittlerweile die Taxipreise kennen, handeln wir schnell zwei Moppedfahrer gehörig runter und steigen auf. O oh, der Himmel sieht mal schwer nach Monsun aus. Schon nach den ersten Paar hundert Metern, bekommen wir die ersten Regentropfen ab. Oh Mist, drei Kilometer? Das schaffen wir nie… Doch schon nach gefühlt 800m stehen wir vor einem Markt und die Herren wollen ihr Geld haben… Hmm, komisch, sah auf der Karte viel weiter aus. Wir bezahlen, kommen gerade so vor Beginn des Monsuns in die Markthalle und stellen schnell fest, warum die beiden Moppedfahrer so schnell mit unserem Preis einverstanden waren: Wir sind nicht zum Thien Thun, sondern nur zum Ben Than Markt gefahren worden und… mal wieder abgezogen worden. Naja, dieses Mal können wir ganz gut damit leben, heisst es doch, dass zumindest unsere Klamotten nicht direkt in den ersten 10 Minuten des Tages völlig durchnässt werden. Dann starten wir eben hier unseren Einkaufsbummel, bestimmt auch interessant…

Die kleinen Gässchen durch die Markthalle sind eng und jeder Stand ist bis unters Dach vollgestopft. Die Verkäufer und Verkäuferinnen versuchen einem alles Mögliche und Unmögliche anzudrehen und gehen hier sogar so weit einen fest zu halten und in ihren Shop zu ziehen. Wow, so krass aufdringlich haben wir das bisher in Vietnam noch nie mitbekommen. Ich lasse mich dazu hinreissen eine Sonnenbrille zu kaufen. Sämtliche Preise in der Markthalle sind utopisch hoch angegeben. So handele ich die Sonnebrille schnell von 589.000 (circa 22Euro) auf 200.000 (ca. 8€) herunter. Und selbst das ist vermutlich noch zu viel. Aber naja, die Sonnenbrille gefällt mir und ich habe keine große Lust auf noch weitere 20 Minuten Diskussion für 2 Euro weniger. Nachdem wir ein wenig Kleinkram eingekauft, sehr lecker und frisch gegessen haben und der Monsun endlich nachgelassen hat, suchen wir uns ein Taxi um zum Kriegsmuseum (formerly known as war crime museum) zu fahren.

Wir bestehen natürlich auf Taxameter und…. werden völligst verarscht. Wir bezahlen für die knappen 2 Kilometer zum Museum denselben Preis, wie heute Morgen im Mailinh Taxi die 6 Kilometer zum Hotel. MAI LINH! Ab jetzt nur noch Mai Linh! Das Museum ist unglaublich krass, stellt den Schrecken des Vietnamkrieges, die Agent Orange (Gas-und Biowaffen)-Angriffe und deren Folgen mit derben Fotos dar und man bekommt eine ganz, ganz vage und unglaublich grausame Ahnung, was hier vor gar nicht all zu langer Zeit abgegangen ist… Sowohl Boris als auch ich sind völlig aufgelöst nach diesem Besuch, und haben so überhaupt gar keinen Antrieb mehr, heute Abend noch irgendwas zu unternehmen.
Wir beschließen uns bestmöglich abzulenken und uns zum Abschluss des Tages noch die Kathedrale und die daran anschliessende Einkaufsstraße Dong Khoi anzusehen. Als wir an der Kathedrale aus unserem Mai Linh Taxi (ja, wir lernen dazu) aussteigen und bezahlen wollen, stelle ich fest, dass meine rechte Gesäßtasche offen und mein Portemonnaie weg ist. Geklaut. Na super. Wir fahren zwar sofort zurück zum Museum, aber selbstverständlich ist das Portemonnaie dort weder aufzufinden, noch irgendwo abgegeben worden. Ich hatte ja doch noch die vage Hoffnung, es vielleicht einfach nur verloren zu haben…. aus einer mit Reißverschluss geschlossenen Gesäßtasche…. nun ja, unwahrscheinlich, doch die Hoffnung starb zuletzt.

 

Zum Glück war neben ein wenig ländlicher Währung (wie gut, dass ich mir nur 10 Minuten vorher von Boris noch 500.000Dong (20€) geliehen habe *grml*) und ungefähr 20€, nur mein Ausweis, mein Führerschein und zwei Bankkarten darin. Eine davon eine Giro-, die andere eine Kreditkarte, die ich beide natürlich umgehend sperren lasse.

Die Kathedrale ist nicht annähernd so groß und pompös wie wir gedacht haben und so landen Boris und ich relativ schnell auf der sehr viel interessanteren Straße gen Fluss, der weltbekannten Dong Khoi. Die Straße war (unter dem Namen Rue Catinat) schon während der französischen Kolonialherrschaft die wichtigste Flaniermeile der Stadt. Auch heute findet man hier die besten und teuersten Hotels, Boutiquen und Galerien. Das Hotel Continental aus dem Film Hotel International (orig. Titel: The VIPs) befindet sich ebenfalls auf diesem Schickimicki-Boulevard.

Boris und ich stolpern in ein riesiges Kaufhaus. 3 Stockwerke hoch und vier Untergeschosse tief reihen sich hier die Creme de la Creme der teuersten Markengeschäfte der Welt aneinander. Dior, Boss, Lacoste, Bang & Olufsen, Swarowski. Hier findet man alles was das Bonzenherz begehrt. Voll klimatisiert, und Marmorparkettiert, selbstverständlich. Prunk und Protz soweit das Auge reicht. Der Vergleich mit KaDeWe und GUM ist definitiv gerechtfertigt.

In der Fress-Etage fällt uns ein lustiges Detail auf, welches wir schon in einigen Frenchise-Läden hier im vorbeigehen gesehen haben. Die Aufteilung des Bar- und Servicepersonals ist irgendwie unproportional. Wir zählen in einem Frenchise Lokal mit circa 25 Tischen 13(!) Kellner. Das Hand-in-Hand arbeiten und die Arbeitsaufteilung steckt hier definitiv noch in der Anfangsphase. Denn, wer ein kleines bisschen Ahnung von Gastronomie besitzt (und ich habe immerhin fast 10 Jahre in der Gastro gearbeitet) sieht sofort: Die Ordnung entspricht exakt der des Rollerverkehrs in der Innenstadt. :-)
An einer Kreuzung fällt unser Blick auf ein unglaublich luxuriös aussehendes Hotel, direkt gegenüber des Hotels Continental. In der Hoffnung dort in die oberste Etage zu gelangen und einen Blick über das mittlerweile nächtliche Saigon werfen zu können, schleusen wir uns ein, begeben uns in den Fahrstuhl und… werden leider enttäuscht. Die höchste Etage im Gebäude ist Etage 19. Zu allen höheren Etagen (vermutlich Suiten und Zimmer), kommt man nur mit einer Chipkarte, die wir weder besitzen, noch vermutlich uns leisten können.

Was wir uns aber leisten ist ein Bier, im 19. Stock des Hotels, direkt auf einem kleinen Balkon. Auch von hier ist der Blick schon umwerfend und ich drehe spontan an diesem grandiosen Ort die Abschlussszene für meine Vietnam-Doku für YouTube. Mit fast 4€ für ein Bier, ist der Laden für vietnamesische Verhältnisse gerade zu unbezahlbar. Aber immerhin ist dies unser vorletzter Abend und man gönnt sich ja sonst nichts.

 

 

In nicht all zu weiter Ferne leuchtet uns ein sehr imposantes und noch um einige Etagen reicheres Hochhaus mit seiner beleuchteten Kuppel an. Wir fragen eine der netten (und unglaublich hübschen) Bedienungen, ob sich in diesem Gebäude auch eine Bar befände, doch leider kann uns die Gute nicht weiterhelfen. Also beschliessen wir, dies auf eigene Faust zu überprüfen und kommen nach circa 15 Minuten Fußmarsch am Fuße des wirklich beeindruckenden Gebäudes an. Wir erfahren, dass es das höchste Gebäude des Landes ist und beschliessen uns einfach noch mal etwas zu gönnen und die circa 10€ Eintritt(!), um hoch fahren zu dürfen, zu bezahlen. Oben angekommen verschlägt es uns die Sprache, denn der so großspurig klingende Werbespruch in der Lobby “Die Welt liegt dir zu Füßen” stellt sich tatsächlich, als nicht ganz so arg übertrieben heraus. Man befindet sich genau unter dem im 50 Stock installierten Helipad und kann durch eine voll verglaste Front das komplette 360° Panorama der Stadt geniessen. Hier hat sich jeder Cent gelohnt
Und mit dieser Aussicht verabschiede ich mich von Euch:



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