Reiseblog

2013-2014 Südamerika

7.12. - 10.12.2013 (Buenos Aires)

Ich habe ja noch gar nichts zum Straßenverkehr hier gesagt...
Nach Vietnman dachte ich eigentlich gegen alles gewappnet zu sein, aber ich lerne immer wieder gerne dazu. Zwar ist der Verkehr hier nicht annähernd so dicht und es gibt auch wesentlich weniger Motorcycles, dafür allerdings deutlich mehr Autos und der Verkehr ist wesentlich schneller und deshalb auch gefährlicher als in Vietnam. Wo in Vietnam geguckt wird, wird hier lediglich bei 80km/h mit Lichthupe gewarnt und weiter gefahren. Rote Ampeln werden zwar nicht ganz so hart ignoriert wie in Vietnam, aber auf grün verlassen sollte man sich trotzdem nicht. Die Busse sind dermaßen schnell in den teilweise doch recht engen Straßen unterwegs, dass die Autofahrer gar nicht erst versuchen auf ihre Vorfahrt zu bestehen. Das merkt man auch in den Bussen. Mitfahren ohne sich festzuhalten ist schlicht und einfach dumm. Die Argentinier hupen ständig, fahren dicht auf und sind sich generell selbst am nächsten. Man hat das Gefühl Unfälle werden geradezu herausgefordert. Dementsprechend habe ich auch schon einige gesehen. Bei allen war mindestens ein Motorradfahrer beteiligt. So aggressiv wie die Motorradfahrer hier allerdings unterwegs sind, glaube ich kaum, dass diese gänzlich unschuldig an den Unfällen waren, es sind halt nur, aus Ermangelung einer Knauschzone, eben immer die gefährdeteren Verkehrsteilnehmer. Memo an mich: Kein Motorrad mieten in Buenos Aires.

Sonntag habe ich mir, zusammen mit Micha, einen Tag Auszeit gegönnt. Nachdem wir morgens zusammen Joggen waren (yeah Sport! ich komme braun gebrannt und muskelbepackt zurück), haben wir uns den ganzen Tag mit Gitarre, Mate, Hamburguesas und natürlich Quilmes (DEM lokalen Bier) in den wunderschönen „parque mujeres Argentinia“ gechillt (...oder auch fett und hässlich...).

Abends im Internet haben wir dann die Schreckensnachrichten des Tages aus Kolumbien und Argentinien erfahren. In Kolumbien hat die FARC, eine kolumbianische Guerilla-Organisation einen Bus gesprengt (acht Tote). Während wir uns sicher und gemütlich durch den Tag gechillt haben, kam es in einigen Städten Argentiniens aufgrund von Polizeistreiks zu heftigen Ausschreitungen mit Verletzten und sogar Toten. In Córdoba, "nur" 700km von Buenos Aires entfernt, sind neben Geschäften sogar private Wohnhäuser geplündert worden. In Mar del Plata, wohin ich übermorgen gedenke zu reisen, ging es glimpflicher aus, doch wie ich in Mar del Plata von einem Schweizer erfahren soll, waren auch hier den gesamten Tag sämtliche Geschäfte zugesperrt und das Hostel hat bei heruntergelassenem Sicherheitsgitter die Touristen gewarnt sich nach draußen zu begeben...
So europäisch das Land auch aussehen mag, es ist eben doch Südamerika und das sollte man nicht vergessen.


Vermutlich genau so gefährlich war mein heutiger Ausflug nach La Bocca, einem Stadtteil in Buenos Aires, dessen größter Teil der Stadtkarte in meinem Reiseführer dick mit "Für Touristen unsicheres Gebiet" gekennzeichnet ist. Dummerweise lag genau in diesem Gebiet ein Restaurant, welches ich mir unbedingt ansehen wollte. Da aber durch die Busse und deren Haltestellen schon über 90% der porteños (Einwohner von Buenos Aires) nicht durchsteigen und ich natürlich drei mal nicht, bin ich ein Paar Haltestellen zu früh ausgestiegen. Wie schnell sich doch das Gefühl von Sicherheit verflüchtigen kann, wenn man auf einer Straße, die unter einer Autobahnbrücke her verläuft, bei einsetzender Dämmerung durch ein total dreckiges und abgerissenes Viertel aus ehemaligen Hafenanlagen läuft... erstaunlich...

Das Risiko meine Kamera heraus zu holen um ein paar schöne Fotos zu machen, bin ich lieber nicht eingegangen. Schade wären bestimmt super Fotos geworden... die vermutlich nie jemand zu Gesicht bekommen hätte...

Am Restaurant angekommen macht mir Don Carlos, der Besitzer höchstpersönlich auf, nur um mir mitzuteilen, dass das Lokal leider erst in einer Stunde öffnet. Er sieht meinen Blick und fragt mich sofort, ob ich nicht trotzdem schon mal herein kommen und ein Bierchen trinken möchte, bis das Lokal öffnet. 
Genau so ehrlich und direkt wie der Chef selbst ist auch das kahle, rustikale (rustikahl, höhö), aber nichtsdestotrotz irgendwie doch charmante Restaurant. Das Essen ist überirdisch und ich esse sowohl mein bestes Steak Buenos Aires', als auch meine beste, in Argentinien übliche, Chimichurri Sauce (eine Sauce aus Öl, Essig, Pfeffer, Paprika, Petersilie, Zwiebeln und Knoblauch). So gefährlich dieser kleine Trip vielleicht auch war, ich kann jedem nur empfehlen dieses einzigartige Restaurant aufzusuchen. Aber macht es doch bitte so, wie ich auf meinem Rückweg: Nehmt euch ein Taxi.

Noch eine kurze Anekdote der Nacht:
Nachdem Micha und ich auf dem Heimweg vom Park in San Telmo mitten in eine Cumba-Parade geraten sind (eine für Argentinien typische Musikrichtung mit vielen, vieeelen Trommeln, Tänzerinnen und teilweise Blasmusik und Gesang; ein bisschen vergleichbar mit schweizer Guggemusik, nur südlicher), beschlossen wir genau dort, am Plaza Dorrego, wo alle Gruppen eine kleine Darbietung brachten, unseren Abend mit Empanadas und Bier zu beginnen.

Laut, bunt, sexy und gute Laune machend zog eine Cumba-Gruppe nach der anderen an uns vorbei. So stelle ich mir den brasilianischen Karneval vor (nur vieeeel größer). Nach diesem Ereignis (und nachdem wir mit der letzten Gruppe noch, um unser letztes Bier zu leeren zwei Blocks mitgezogen sind), ging es für uns weiter ins bunte Nachtleben von Buenos Aires. In einem Rock-Club in Palermo durften wir ein komplettes Konzert einer sehr... nun... ausgefallenen argentinischen Pop-Rock-Gruppe erleben. Das schrägste an der Gruppe war wohl deren Sänger... Ein leicht übergewichtigen Mittvierziger, mit einer verspiegelten Porno-Sonnenbrille, der sich im Takt wiegend und alberne achtiger Jahre Gesten machend von einer Seite der Bühne auf die andere schunkelte und dabei unaufhörlich seine mit bunten Perlen durchzogene Rastaperrücke schüttelte. Geil! Sowas muss man erlebt haben um es zu verstehen...
Wir hatten auf jeden Fall Spaß und sind, nach natürlich einer weiteren Boliche (Disko), morgens gegen neun Uhr nach Hause gewankt.

Zurück