Reiseblog

2017 Mein Schiff 3

Über Aufgaben und Aufgeben

Wir haben Anfang August und es ist immer noch kein Alltag für uns eingekehrt. Eine unserer Tänzerinnen hat sich den Knöchel verstaucht und musste für 4 Wochen von Bord gehen. Sie wird durch eine ehemalige Tänzerin ersetzt, die zufällig als Family-Travel (Besuch bei ihrem Freund) an Bord ist. Für die Tänzer wie für uns heisst das natürlich wieder extra Proben. Auch das Gerücht aus dem letzten Blog-Beitrag hat sich nur einen Tag später bestätigt:
Peter, unser Schauspiel-Kollege (und Regisseur von zwei Stücken), musste aufgrund eines medizinischen Problems das Schiff verlassen. Die letzten drei Wochen hatten wir also erneute Proben mit einem neuen Kollegen. Dieser hat allerdings, noch bevor eine einzige Premiere mit ihm stattfand, dass Handtuch geworfen und den Platz erneut freigegeben. Alles auf Anfang und Neustart.
Seit ein paar Tagen ist nun Pascal, unser neuer Kollege an Bord und entpuppte sich schöner weise schon bei der ersten Probe als absoluter Volltreffer. Ganz im Gegensatz zum Zwischendurch-Kollegen, konnte Pascal nicht nur sämtliche Texte, nein, er war auch außerhelb des Textes bestens vorbereitet und hat sich schon viele Gedanken zu seinen Figuren im Vorfeld gemacht. Wir konnten also in den Proben direkt in die Vollen gehen. Nun ist also tatsächlich endlich ein Ende der Proben für uns in Sicht und der Alltag mit einem Durchlauf und einer Show pro Tag rückt in greifbare Nähe. Nach mittlerweile zwei Monaten an Bord auch langsam wirklich nötig. Auch die Situation mit dem Management ist nicht zuletzt aufgrund dieser vielen Proben sehr angespannt. Es werden zusätzliche Proben gelegt, obwohl Kollegen krank sind, es werden Shows mit kranken Kollegen gesetzt, obwohl diese sehr einfach durch andere Shows mit gesunden Kollegen ersetzt werden könnten, es wurde ein Premiere-Datum für eine eigentlich optionale Show angesetzt, ohne dass die Cast auch nur gefragt wurde... Kurzum: Die Nerven liegen so langsam bei der gesamten Cast wirklich blank und ich haben mehrere Kollegen, die derzeit überlegen frühzeitig abzusteigen und den Vertrag zu beenden, sollte sich diese Situation nicht in absehbarer Zeit entspannen.

Aber kommen wir wieder zu erfreulicheren Themen:
Ich habe im letzten Post ja schon von Crew-Welfare berichtet. Eine kleine Gruppe Leute aus der Besatzung, die für die Crew Exkursionen, Partys, Events und Sportturniere organisieren. In der Annahme, dass wir ja nach dem ersten Monat sehr viel weniger zu tun haben werden, haben sowohl Emrah, einer meiner Schauspiel Kollegen, als auch Marilia, eine der Sängerinnen und ich uns bei Crew Welfare für die leitenden Posten, Präsident (Emrah), beziehungsweise Vize-Präsidenten (Marilia und ich) eingetragen. Das diese Annahme leider mehr als falsch war stellte sich allerdings erst in den folgenden Wochen heraus... Tja nun habe ich derzeit zusätzlich zu allen Proben und Shows noch die Aufgaben von Crew-Welfare.
Ich plane und organisiere Burger-oder Sushi Abende, Exkursionen, Bus-Transfers, Partys, Kino, Bingo, Workshops, Saunazeiten, und alles mögliche andere, was die Kollegen bei Laune hält. Ich bin sehr gespannt auf die weiteren Aufgaben und auch darauf, ob wir das alles wirklich unter einen Hut bekommen.
Es kann sogar sein, dass ich bald noch eine bzw. zwei weitere Aufgaben/Shows bekomme, denn die Anfrage für meinen CD Verkauf an Bord ist endlich in Bearbeitung. Sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass ich meine CDs hier verkaufen darf, werde ich unsere Gäste in Zukunft auch mit einem meiner beiden Soloprogramme (Mittelalter / Singer-Songwriter) beglücken. Ich habe meine Gitarre ja nicht ohne Grund eingepackt...

Meine Eltern, die für 12 Tage als Gäste mit an Bord waren (als Gäste eines Crew-Mitgliedes bekommt man einen wirklich sehr fairen Rabatt), fanden die Fahrt sehr gut. So gut, dass sie gerne hätten, dass ich öfter auf dem Schiff arbeite, damit sie mich besuchen kommen können. Na Klasse, da hab ich ja was angerichtet...
Aufgrund der Krankheit eines Sängers (ja, wir haben derzeit viele Krankheitsfälle gleichzeitig) kam die Anfrage, ob ich nicht, trotz der laufenden Bearbeitung was den Verkauf der CDs angeht, schon mal eines meiner Soloprogramme präsentieren könne. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass meine Eltern just zu dieser Zeit mit an Bord waren, habe ich diesen Gefallen selbstverständlich gerne erfüllt. Wie sich herausstellte eine gute Wahl, denn:
Zur selben Zeit war der oberste Leiter der Entertainment Abteilung von TUI an Bord und hat sich, ebenfalls mitsamt seiner Familie, die Show angeschaut. Schon zwei Tage später war die Frage des CD Verkaufes geklärt und erlaubt. Derzeit warte ich also nur noch auf die Bearbeitungsnummern, damit der CD-Verkauf an Bord vernünftig abgerechnet werden kann.
Auch wenn das natürlich mehr Arbeit für mich bedeutet, freue ich mich sehr auf die zusätzliche Aufgabe, da ich nun neben dem Schauspiel, meiner eigentlichen Aufgabe an Bord, den Gästen meine Musik präsentieren und damit weiter bekannt machen kann. Außerdem freue ich mich darauf wieder meine Songs vor Publikum zu spielen...
Apropos eigentliche Aufgabe:
Da ich Peter, der bei einer der Produktionen gleichzeitig Regisseur und Schauspieler war, bis zur Premiere unserer Musicalshow vertreten habe, hatte ich quasi eine ganze Zeit ein Stück mehr als alle anderen. Jetzt, mit Pascal an Bord hat sich das allerdings als Glücksfall herausgestellt, denn so konnte ich meine eigentliche Lesung über Unwetter auf See, mit eben jener großen Musical-Show im Theater tauschen. Das wiederum heisst für mich zwar eine zusätzliche Probe vor jeder Musical-Gala, dafür aber auch an Seetagen so gut wie nie zwei Shows an einem Tag spielen zu müssen (außer eventuell zusammen mit meinem eigenen Solo).
Es ist ja bekannt, dass ich mir gerne mit vielen Aufgaben gleichzeitig zumülle. Ich sage nur Musik, Blog, Fotos, Videoschnitt, Let's Plays, eigenes Musiklabel, Crowdfunding-Managament, Improvisationstheater, Spiele-Synchronisation...
Deshalb habe ich auch sofort zugesagt, als mich die lieben Kollegen vom Kids-Club gefragt haben, ob ich nicht beim Abschiedsabend am „Lagerfeuer“ für die Kids ein paar Songs spielen möchte. Es war wirklich süß inmitten von knapp 50 Kindern um ein paar elektronische Kerzen zu sitzen (kein offenes Licht an Bord) und mit allen zusammen „Die 'kleine' Elfe“ zu singen :-D
Haaaa Laaaa, lei le la la lei.....
Meine YouTube Videos müssen natürlich ebenfalls irgendwie weiter laufen, auch wenn die Internet-Situation an Bord diese Aufgabe erheblich erschwert. Ich habe es in Tallin trotzdem geschafft mir morgens früh einen Wecker zu stellen, einen Song aufzunehmen, und diesen auch noch vor allen Proben mit meinem Laptop in einem Café mit WLAN an Land hochzuladen. Das Ergebnis findet ihr hier:


Trotz der ganzen Aufgaben derzeit komme ich endlich auch immer mal wieder an die frische Luft. Das ist natürlich doppelt schön, da ich so auch des Öfteren mit meinen Eltern zusammen, als diese an Bord waren, die Gelegenheit hatte etwas zu erleben und zu sehen. Die Länder und Städte in denen wir gerade unterwegs, Stockholm, Visby (Schweden), Tallin (Lettland), St. Petersburg (Russland), Gdynia (Polen), Helsinki (Finnland), Kopenhagen (Dänemark), sind abwechslungsreich und spannend. Auch wenn das Wetter oft besser sein könnte. Aufgrund der Geschwindigkeit allerdings, in der man diese ganzen Orte „bereist“, wirft man sehr schnell vieles durcheinander. Und egal wie gut man sich vorbereitet und wie viel man sich in den einzelnen Städten auch anschaut, kratzt man doch immer nur an der Oberfläche dessen, was möglich ist. Wirklich in Kontakt mit Locals, oder der Kultur kommt man nicht. Ich persönlich finde es da deutlich spannender, nur mit dem Rucksack auf dem Rücken, wirklich Zeit in einer Gegend zu verbringen... Aber jedem das Seine und gerade für ältere Leute ist diese Art zu Reisen natürlich perfekt.
Außerdem bin ich ja auch nicht zum Urlaub machen, sondern zum Arbeiten hier und es gibt definitiv deutlich langweiligere Arbeitsumfelder. Es ist ein genialer „Nebeneffekt“, sich quasi während der Arbeitszeit noch das ein und andere fremde Land anschauen zu können und einen ersten Eindruck zu bekommen, ob man hier eventuell einmal mehr Zeit verbringen möchte.


Ich bin gespannt, ob sich die Situation mit unseren vielen Krankheitsfällen und die angespannte Lage mit dem Management bald beruhigt und endlich mal so etwas wie Alltag für uns als Cast einkehrt...

Zurück