Reiseblog

2017 Mein Schiff 3

Klassenfahrt

Ich schlendere gemütlich durch Hamburg, trinke mir einen Kaffee, latsche ein bisschen durch den Riesen-Saturn, vertrete mir die Beine, lausche Straßenmusikern und verpasse den letzten Bus zurück zum Schiff. Scheiße!
Um genau zu sein ist es nicht mal der letzte Bus den ich verpasse, sondern der vorletzte, aber wir als Crew müssen ja immer eine Stunde vor den Gästen zurück an Bord sein und der letzte Bus fährt eben so, dass ich eine halbe Stunde zu spät am Schiff ankommen würde. Ich frage die beiden TUI-Mitarbeiterinnen wie viel denn circa ein Taxi kosten würde. So circa 35€, ist die Antwort. Ouch!
Ich drehe mich um und sehe gerade noch so aus dem Augenwinkel ein mir bekanntes Gesicht hinter der Scheibe eines Transporters, bevor dieser an mir vorüber ist. Zum Glück fährt der Transporter gerade direkt über den Vorplatz des Hauptbahnhofes und muss so, ob einiger Menschen noch einmal anhalten. Ich komme, gerade bevor sich die Menschenlücke für den Van wieder öffnet an und hämmere gegen die Scheibe. In der Annahme, dass der Fahrer ein Kumpel von Emrah ist, erzähle ich die Story mit dem vorletzten Bus und frage, ob die beiden eventuell noch einen Platz für mich haben. Emrah grinst schief, der Fahrer lacht.

Wie sich kurze Zeit später herausstellt, sitzen wir in dem Van, der die Koffer der Gäste zum Schiff fährt und Emrah und Majo (der Fahrer), kannten sich bis vor fünf Minuten ebenfalls nicht. Emrah hatte nämlich just dasselbe Problem wie ich und hat den Fahrer des Koffer-Transporters auch einfach angequatscht. So werden denn die beiden späten Schauspieler vom Koffer-Chauffeur Majo sicher und schnell zurück zu ihrem Arbeitsplatz gefahren.

 

Trotz, dass die Schlange am Terminal ob der vielen heute aufsteigenden Gäste noch sehr lang war (es gibt meist keinen Extra-Eingang für die Crew), haben Emrah und ich es doch noch pünktlich an Bord geschafft. An dieser Stelle noch mal ein fettes Dankeschön an Majo, unseren Fahrer.

Die letzten zwei Stationen in der Biskaya sind Le Havre, in Frankreich und Southampton, England. In Le Havre ist mal wieder ein Drill für die Crew angesetzt. Dieses Mal allerdings kein Muster-Station, oder Rettungsboot Drill, sondern etwas sehr Besonderes: Der „Mass-Injury-Drill“, eine Simulation von sehr vielen gleichzeitigen Verletzten an Bord. Wir, also die Sänger, Tänzer, Akrobaten und Schauspieler dürfen in diesem Fall die Verletzten Mimen. Klar, dass wir als Entertainer gehörig Spaß mit Kunstblut und Co haben und beim Ausspielen der Verletzungen mal so richtig auf unsere Kosten kommen.
Die Rauchmelder werden ausgeschaltet und das komplette Theater wird mit riesigen Nebelmaschinen, flackerndem Licht und einer Soundkulisse, die von 9/11 entliehen sein könnte, in ein flammendes Inferno verwandelt. Wir fragen uns zwar alle warum in den Soundfile ständig Feuerwehr- und Krankenwagen-Sirenen zu hören sind, denn das ist auf offenem Meer dann doch irgendwie unrealistisch, aber gut...

Zweieinhalb Stunden später ist der Spaß wieder vorbei und wir machen uns fertig für die heutige Crew-Exkursion nach Etratat. Das Wetter heute ist im Gegensatz zum letzten Mal hier in Le Havre, der absolute Hammer und schon mal ein guter Vorgeschmack auf den Süden. Wir stehen in kurzen Hosen und T-Shirts vor dem Schiff und warten auf unseren Bus an die Steilküste.

Es fühlt sich ein bisschen an wie Klassenausflug in der Mittelstufe (mit phillipinischen Gastschülern), als wir mit den Kollegen im Bus Richtung Normandie-Dörfchen sitzen. Das Dorf zu beschreiben, oder gar die Kreidefelsformationen um dieses herum, wegen denen der Ort touristisch so beliebt ist, spare ich mir an dieser Stelle, denn ich denke die Bilder sprechen hier für sich:

 

Nachdem ich eine ganze Weile an der Küste entlanggewandert bin, schlendere ich durch den Ort zurück Richtung Bus. Auf dem Weg finde ich ein fantastisches kleines Delikatessen-Lädchen und decke mich dort noch mit Cidre, französischem Senf, Fleur de Sel und lokalem Craft-Beer ein. Man muss sich ja schließlich auch mal was gönnen.

 

Abends führen wir wieder „Varieté“ im Theater auf und, unglaublich aber wahr, ich habe, nach zwölf Wochen, endlich einen neuen Zaubertrick geschickt bekommen! Es Geschehen noch Zeichen und Wunder. Dementsprechend euphorisch führe ich Abends meinen geliebten Zaubertrick auf. Herrlich. Ich muss mir keine Sorgen mehr machen, ob eine der Flaschen in der anderen hängen bleibt oder nicht und kann mich voll und Ganz auf den Trick und mein Schauspiel konzentrieren.

Der nächste Tag in Southampton ist nicht sonderlich ereignisreich und kurz erklärt:
Typisch englisches Wetter mit Kälte und horizontalem Regen, Video-Upload im Café bei Avocado-Sandwich und selbstgemachter Ingwer-Limonade (das beeindruckenste an diesem Tag), ein sich verlaufen habender Techniker, den ich zurück zum Schiff geführt habe, einen Ausflug nach Stonehenge, den ich nicht mitgemacht habe, weil alle die von dort zurück kamen nur sagten: Scheiß Wetter, große Steine, machs nicht und Abends Harry & Sally, unsere Kostüm- und Requisitenschlacht im Klanghaus.
Mein Tag in Southampton in Kurzform. Morgen haben wir einen Biskaya-Seetag und übermorgen landen wir dann endlich, endlich, endlich in La Coruna, in Spanien.

Sonne, ich komme!

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