Reiseblog

2017 Mein Schiff 3

Gäste und Crew

Als Teil des Entertainment Departments hat man einen sehr gehobenen Status an Bord. Das schlägt sich in zahlreichen Privilegien nieder. Die Sänger, Schauspieler und Akrobaten haben jeweils Einzelkabinen. Die Tänzer immerhin kleinere Einzelkabinen, so genannte Single-Share-Kabinen, wo lediglich das Bad mit einer anderen Person geteilt. Zwar gibt es hier, wie zum Beispiel auf der Mein Schiff 1, oder 2, keine Vierer-Kabinen mehr, aber viele andere Crew-Bereiche leben (teilweise für 9 Monate) in Doppelkabinen. Auch dürfen Mitglieder des Entertainments jederzeit in den Gästebereich gehen. Das ist so nicht selbstverständlich. Andere Departments brauchen dafür eine Leisure-Card, die ihnen erlaubt, den Gästebereich außerhalb ihrer Pflichten, betreten zu dürfen. Zwar dürfen wir nicht in den Pool, uns mit dem Laptop irgendwo hin setzen, ins Casino, oder gar essen gehen, aber wir dürfen uns jede der Shows in den Spielstätten ansehen, uns in die Bars setzen, jederzeit im Einkaufswall shoppen gehen, oder einfach an Deck gehen und uns ein bisschen die Beine vertreten und frische Luft schnappen.
Der Gästebereich ist außerdem manchmal ganz gut um mal „raus“ zu kommen und sich mit anderen, nicht mit einer Uniform gekleideten Menschen zu umgeben. Klar, 1000 Leute Crew sind auch jede Menge Leute, aber mit einem Aperol Spritz in einem Glas in der Hand am Heck des Schiffes zu stehen und den Sonnenuntergang zusammen mit den Urlaubsgästen zu genießen, ist eben schon etwas anderes.
Aber auch im Crew Bereich gibt es einige schöne Ecken.
Neben einer wirklich schönen, kleinen Chill-Out Lounge, mit Bullaugen zur Front des Schiffes und einer nicht viel größeren Coffe-Lounge mit Bibliothek und Gesellschaftsspielen, gibt es auch die sagenumwobene Crewbar. Was hier passiert bleibt zwar auch just dort, aber ich plaudere mal ein bisschen aus dem Nähkästchen, ohne zu viel zu verraten:
Ja, wir müssen für unsere Getränke hier bezahlen, aber die Preise halten sich mit 70Cent für eine Dose Becks, oder 2,50€ für einen Gin-Tonic doch sehr im Rahmen.
Ich war anfangs etwas geschockt, ob der gefühlten nur 15 Songs, die hier jeden(!) Abend gespielt wurden, weshalb ich mich kurzerhand als DJ eingeschrieben habe um selbst aufzulegen. Meine erste Party war direkt von Crew-Welfare unterstützt (begrenzte freie Getränke), weshalb trotz der Metal und Rock Mischung dementsprechend viele Leute da waren. Aber: Spätestens seit diesem Abend wissen die 30 Leute, die hier solch eine Musik hören, wer ebenfalls Musikgeschmack hat ;-)

Zurück zu dem weshalb ich eigentlich hier, der Arbeit:
Im Moment steht allerdings erst ein mal alles im Zeichen meiner ersten Premiere an Bord. Im Stück „Varieté“ spiele ich einen skurrilen Zirkusdirektor, der durch einen Abend voller Artistik leitet. In diesem Stück bin ich tatsächlich der einzige Schauspieler und habe zwischen jeder Artistik-, oder Tanznummer jeweils ein- bis zweiseitige Monologe. Ich bin sehr aufgeregt, zumal dieses Stück natürlich auch im Theater, also auf unserer größten Bühne, also vor circa 1000 Zuschauern gespielt wird.
Mein Zirkusdirektor spricht mit einem harten russischen Akzent, meine Schuhe sind 10cm hohe Platoschuhe mit Absatz und ich mache gegen Ende der Show sogar einen 10 Minuten langen und sehr unübersichtlichen Flaschen-Zaubertrick.
Als zweites hatte dann die „Magie des Musicals“ Premiere. In dieser Show spiele ich einen Techniker, der schon seit 14 Jahren am Theater arbeitet und alle Arbeitsabläufe besser kennt als der Regisseur. Eine sehr kurzweilige Rolle mit nicht sehr viel Text.
Sehr viel mehr Text habe ich dann als Harry in „Harry und Sally“, ein zweistündiges, romantisches Theaterstück nach dem gleichnamigen Film.
Während der Proben für unsere technisch aufwendigste und gleichzeitig neueste Show „Wunderland“, fingen wir dann zur selben Zeit zusätzlich noch an für das zweite, ebenfalls sehr textintensive Theaterstück „Butterbrot“ zu proben, da die Premieren hier sehr eng beieinander lagen. Das führte dann zu solchen Situationen wie: Morgens 4 Stunden lang Butterbrot Probe und Corrections, danach dann eineinhalb Stunden Generalprobe für Wunderland, gefolgt von eineinhalb Stunden Hauptprobe (Probe mit Kostüm und Requisiten) für Butterbrot um abends dann um 21.30Uhr, last but not least, die Premiere von Wunderland auf die Bühne zu bringen.
Naja, bald haben wir alle Premieren hinter uns und damit dann auch die meisten der Proben.
Während einer unserer vielen Wunderland Proben stand Emrah, der in diesem Stück nicht mitspielt übrigens an Deck und probierte meine alte/seine neue Kamera aus. Da ich mir vor der Kreuzfahrt extra noch eine neue Kamera zugelegt habe, um nicht für Foto und Video mit zwei verschiedenen Kameras herumrennen zu müssen, habe ich kurzerhand meinem Kollegen meine alte Kamera vermacht. Mit exakt dieser Kamera und dem 350mm Zoom-Objektiv, hat Emrah dann das wahnsinnige Glück das folgendes Foto zu schießen:

(c) Emrah Demirci


Ich bin so unglaublich neidisch! Nicht nur auf das Foto. Vor allem darauf, dass ich bisher noch nie das Glück hatte einen Wal zu sehen. Nicht mal in Südamerika.
Ach ja, unser längstes Stück habe ich tatsächlich noch vergessen: Unser interaktives Krimidinner. Ein Dinner mit 7 Gängen und sechs Spielakten über vier Stunden. Davor habe ich zwar echt ein bisschen Schiss, freue mich auf der anderen Seite aber auch wahnsinnig darauf endlich mal wieder ein bisschen zu improvisieren und bin sehr gespannt, wie die Gäste wohl mitmachen.

Ein schönes Detail am Rande: Es ist auch bei diesen sehr vielen Premieren üblich, sich als Cast gegenseitig kleine Premierengeschenke zu machen. Diese bestehen zwar hauptsächlich aus Süßigkeiten, weil es an Bord kaum etwas anderes sinnvolles für wenig Geld gibt, aber hey, ich habe jetzt schon einen Schokoladenvorrat um den mich jede Frau beneidet.

 

Mein nächstes Foto dann mit 20kg mehr auf den Rippen

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